Echte Raritäten: die Wagen 352E LMS und 353E LMS

Anfang Februar 2007 tauchten bei einem großen Online-Auktionshaus in den USA vier Wagen der 350er Serie auf. Der Anbieter hatte bisher keine Bewertungen von anderen Käufern, dies und die Tatsache […]

Anfang Februar 2007 tauchten bei einem großen Online-Auktionshaus in den USA vier Wagen der 350er Serie auf. Der Anbieter hatte bisher keine Bewertungen von anderen Käufern, dies und die Tatsache das es eine Auktion in den USA war lies mich zunächst zögern. Im Text der Auktion war zu lesen “Just find bunch of trains. They are in rusty metal, so little kids can’t play with them.“. Die Bilder bestätigten die Aussage des Anbieters.

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Die Dächer waren rostig, alle Dachlüfter waren abgebrochen, Drehgestelle nicht vorhanden… Doch eine Stimme sagte mir: “Klick auch auf die anderen Bilder!” Das war schnell getan und zu neben einem D-Zug Wagen 351 und einem Gepäckwagen 354 kamen dort ein Speisewagen 352 und der Schlafwagen 353 zum Vorschein. Zu meinem großen Erstaunen waren die beiden roten Wagen in der extrem seltenen LMS-Ausführung (London Midland Scottish Railway) für den Export nach England aus dem Jahre 1938.

Die absoluten Exoten der 350er Wagenserie sind die Versionen 352E LMS und 352EB LMS (mit Beleuchtung) sowie 353E LMS und 353EB LMS. Im Jahre 1938 wurden diese als Exportmodelle für England hergestellt. hierzu wurden Wagen aus der normalen Produktion genommen und die Seitenaufschriften wurden komplett (bis auf die Artikelnummer) von Hand übermalt. Abschliessend wurde mittig der Schriftzug “LMS” in goldenen Buchstaben aufgestempelt. Es sind auch Wagen bekannt (Mikado Katalog) bei denen die Beschriftung “LMS” nicht 1x mittig sondern links und rechts an beiden Seiten gestempelt wurde.

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Nur im Text erwähnt, leider nicht durch Bilder belegt, sind LMS-Versionen welche wieder auf Mitropa Beschriftung zurückgedruckt wurden. Abbildungen des LMS-Speisewagens finden sich sowohl im Koll Katalog (Stempel in der Mitte) wie auch im Mikado Katalog (Stempel mittig und an den Seiten). Bilder vom hier gezeigten Schlafwagen sind mir nicht bekannt. Der Preis (oder Wert?) aller dieser Wagen bewegt sich in Regionen die echten Liebhabern vorbehalten sind, so wurden 1999 bei einer Auktion von Christies in Göppingen drei Speisewagen mit LMS Beschriftung zu Preisen zwischen 4000 und 7670 DM versteigert.

Bei allen vier angebotenen Wagen fehlten die Drehgestelle, doch diese lassen sich als Ersatzteil beschaffen oder von einem anderen 350er Wagen “entleihen”. Die Bilder machten einen guten Eindruck, größere Schäden an den Wagenkästen waren nicht zu entdecken. Doch konnte man einem Anbieter ohne Bewertungen vertrauen? Sind die Wagen vielleicht Fälschungen? Wie also weiter vorgehen…

Zunächst schrieb ich eine Mail an den Anbieter und fragte nach den Versandkosten nach Deutschland. Innerhalb von ein paar Stunden hatte ich eine nette Antwort, mit der Information das er versuchen wollte die Kosten zu ermitteln… immerhin. Unter Berücksichtigung der Zeitzonen war das ja ganz flott. Einige Mails später waren die Versandkosten von 50 US Dollar geklärt und es schien als wenn der Anbieter kein Märklin- oder Modellbahn-Spezialist war. Eine Fälschung war somit nicht unmöglich, aber warum sollte sowas seltenes nicht doch einmal auftauchen…?

Ich entschloss mich trotz Bedenken mitzubieten, allerdings mit festem Limit, also nicht um jeden Preis. Glücklicherweise endete die Auktion nicht mitten in der Nacht, so das ich eines Abends gegen kurz vor 21 Uhr einen Haufen Geld für vier Wagen ohne Räder und mit verrosteten Dächern ausgegeben hatte… Nun ging es an das bezahlen der Ware… Einen PayPal Account hatte der Anbieter nicht, seine Bank wusste nicht was eine IBAN Nummer ist… nunja. Auch diese Hürde wurde genommen und ich erhielt einige Tage später die Info das das Geld angekommen sei. Ich war es also erstmal los… Am Tag darauf bekam ich eine Tracking ID von USPS und konnte die Sendung über die Webseite von USPS verfolgen. Irgendwas war also unterwegs. Einerseits beruhigend, andererseits stieg aber die Aufregung immer weiter.

Nach ein paar Tagen und unzähligen Abfragen des Tracking Systems, lag ein Zettel im Briefkasten: ich konnte das Paket beim Zoll abholen. Also pünktlich Feierabend gemacht und auf zum Zollamt. Wirklich nette Leute dort, aber wenn man schon einige Tage mit stark erhöhtem Blutdruck lebt ist jede Minute Warten zuviel. Kurz vorm Herzinfakt musste ich das Paket noch beim Zoll öffnen und ich hatte gleich einen der LMS Wagen in der Hand, ich glaube der Zoll Mitarbeiter konnte nicht glauben das man “broken Marklin Trains” aus den USA importiert… nunja. Mir war es egal, ich musste noch einen zweiten Wagen auspacken, dann lies man mich mit dem Paket gehen, natürlich erst nachdem ich einige Scheinchen Einfuhrsteuern beim Zoll hinterlegen durfte. Unterwegs wurde der Karton gleich nach dem zweiten LMS Wagen durchsucht, auch dieser war dabei. Wunderbar! Das Sonnenlicht am S-Bahnhof lies durch den Lack erkennen, daß unter der LMS Beschriftung noch “Mitropa” aufgedruckt war. Der Lack des Schlafwagens wirkte etwas dunkler, vermutlich wurde ein anderer Lack verwendet, dieser hat die Jahre nicht ganz so gut überstanden, insgesamt waren aber beide Wagen in einen traumhaften Zustand!

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Wie schon auf den Auktionsbildern zu sehen waren die Dächer rostig, die Gehäuse aber nicht weiter beschädigt. Ich fuhr mit den guten Stücken direkt zum Mini-Stammtisch des MIST1 um dort Thomas, Detlef uns Stefan (unseren Alt-Blech Experten) zu treffen. Stefan kam ein paar Minuten später und ich wartete mit dem auspacken der Wagen bis er sich hingesetzt hatte. Ich wollte unnötige Verletzungen vermeiden falls er spontan bewustlos werden sollte. Um es kurz zu machen: auch Stefan war begeistert. Die bisherigen Infos zu den Wagen und die prüfenden Blicke der Experten lassen uns zu dem Schluß kommen, daß es sich nicht um Fälschungen handelt. Der Verkäufer konnte mir nur noch sagen, daß die Wagen von seinen Brüdern in Italien im Elternhaus gefunden wurden. Leider läßt sich der Weg der Wagen nicht weiter oder genauer zurückverfolgen.

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Zuhause angekommen ging es an die Aufarbeitung der Wagen, die Wagenkästen wurden natürlich nur vorsichtig gereinigt. Der 351 und der 354 wurden zur Seite gelegt, sie werden sicher später nochmal überarbeitet und dürfen dann natürlich auch fahren. Natürlich sollten zunächst die LMS Wagen wiederbelebt werden. Die Dächer wurden neu lackiert und mit Nachbau-Lüftern kompletiert. Schöner wäre es die Wagen mit Dächern im Original Lack zu fahren, sicher laufen mir irgendwann welche über den Weg, dann wird getauscht. Gleiches gilt für die Drehgestelle, hier wurden zunächst Nachbau-Drehgestelle montiert. Die Fahreigenschaften sind wunderbar, wenn irgendwo passende alte Original-Drehgestelle auftauchen, so werden diese dann einfach noch getauscht.

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Alles in allem kann gesagt werden: ein echtes Schnäppchen bei einem bisher nicht bewertetem Verkäufer welches problemlos über die Bühne ging. Auch das darf ja mal gesagt werden…
Einen Artikel zu den übrigen Wagen der 350er Serie finden Sie hier.

Über Frank Ronneburg

Frank Ronneburgs besonderes Interesse gilt den sogenannten „Händler- oder Werbeartikeln“. Dazu zählen alte Werbeschilder, Ausstellungsdisplays oder Händleranlagen – Ausstellungsstücke, welche speziell für Modelleisenbahn-Händler gefertigt wurden. Ein sehr exklusives Stück – die Märklin Sonnenuhr – konnte so vor einiger Zeit, nach langer Suche aus Schweden und einem Transport von über 2000 Kilometern, wieder öffentlich in einer Ausstellung präsentiert werden. Ein ganz besonderer Fund für Frank Ronneburg, da dieses Schaustück nach aktuellem Kenntnisstand weltweit nur noch einmal existiert. Seit Jahren betreibt Frank Ronneburg erfolgreich die Seite tischbahn.de, eine Plattform für Liebhaber und Sammler von historischen Modelleisenbahnen. Hier werden regelmäßig aktuelle Fachartikel veröffentlicht und begehrte Sammlerstücke - deren Besonderheiten und Marktwert - fachkundig präsentiert. Seine langjährige Erfahrung, Fachkenntnisse und Passion stellt der Experte als Kurator für zahlreiche Ausstellungsprojekte in ganz Deutschland unter Beweis. Zuletzt kuratierte er im Juni 2012 eine Ausstellung im Deutschen Technikmuseum Berlin und war Experte bei Auctionata für die Auktion "Märklin Eisenbahn aus privater Sammlung" im Mai 2013.