Echter als echt

Mit der Berliner S-Bahn hatte Primex, die Tochtermarke von Märklin, 1987 einen Herzenswunsch der Enklavenbewohner erfüllt. Das Modell entstand anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins. Kaum sonst irgendwo dürfte die Packung 3017 und der Ergänzungswagen 4019 so eingeschlagen haben, wie in der Heimat ihres BVG-Vorbildes. Von 1991 bis 1994 war die 2-teilige S-Bahn noch unter der Artikelnummer 3128 im Märklin HOBBY-Programm zu finden und der Ergänzungswagen als 4187. Sammler wissen vor allem die haltbarere Packung der Märklin-Ausgabe zu schätzen.

Eigentlich von Anbeginn schon als antiquarisches Spielzeug aufgelegt (Ep III), lässt sich diese S-Bahn schön mit Zügen aus den 50er und 60er Jahren kombinieren.

 

Einziger Wermutstropfen sind die LED anstelle stilechter Beleuchtungen, die andere Fahrzeuge des Märklin-Programms in dieser Zeit hatten. Zwar ist ein fahrtrichtungsabhängiger Beleuchtungswechsel eingebaut. Aber gelbe LED können einfach nicht den gleichen Zauber erzeugen wie Glühlampen. Das Umschaltrelais verspricht, auch die doppelte Strombelastung zu vertragen.

Anstelle von ca. 30 mA pro LED schlucken die MS4 Stecksockellampen 60 mA, womit eine Belastung von ca. 180 mA vom Relais verkraftet werden muss (2x 60 mA für Glühlampen in Fahrtrichtung + 2x 30 mA für rote LED am Zugende)Und so war der Plan geboren, eine defekte S-Bahn ausfindig zu machen und sie in optisch ansprechender Form mit Glühlampen auszustatten, zumindest für die Hauptscheinwerfer.

Das Vorhaben mag sich fortschrittsfeindlich anhören. Es dient aber beim Besitzer dem Ausdruck der Zuneigung zu den Gestaltungsgewohnheiten der Zeit um 1950. Wären die Modelle dieser Zeit den damaligen Käufern nicht ebenso ans Herz gewachsen, gäbe es heute längst gar keine Modellbahnen mehr. Irgendwie muss also auch das damalige Gestaltungskonzept gepasst haben.

Von der Trägerplatine sind die LED und zwei überflüssige Widerstände schnell abgelötet. Die Platine wird um 180° gedreht, also mit der Lötseite in Fahrtrichtung weiter verwendet. Der untere Steckverbinder dient nun als Halterung für den Glühlampenträger.

Die neu eingesetzten roten 3-mm-LEDs sind nicht zu sehen, weil sie auf dieser Aufnahme genau hinter den Glühlampen liegen.

Der Lampenhalter (stammt von einem Abheftstreifen) hat eine Bohrung, durch die der Steckstift der Platine für Höhenlage und Schwenkbeweglichkeit sorgt.

Die stabile Lage bekommen Lämpchen und LED durch den Federdruck, der von hinten auf die Lampen wirkt und sie in die Gehäuseöffnungen drückt. Diese Federbleche sind so breit wie ein Lampensockel und auf die Platine aufgelötet. Ein ausgedienter Schleifer kann das Federblechmaterial spenden.

Ein Fuß pro LED ist mit dem Blechstreifen verlötet, der die Lampen umschlingt und miteinander verbindet. Der zweite Fuß ist mit der Platine über eine Litze verbunden und nutzt dort den originalen Vorwiderstand.

Auf der Platine trennt man einfach alle Bahnen, die nicht gebraucht werden mit einem Dremel-Fräskopf. Vor allem muss man mit der umlaufenden Leiterbahn am Außenrand der Platine aufpassen, weil die durch die Befestigungslaschen des Gehäuses Massekontakt abbekommt. Für eine wirklich zuverlässige Masseverbindung ist eine extra Verkabelung empfehlenswert.

Die Glühlampen und die LED gehen nicht durch die Gehäuseöffnung durch. Dadurch leuchten beide in den Führerstand hinein. Schlimmer noch: die Glühlampen erleuchten die LED-Gehäuse als wären sie angeschaltet.

Also müssen die LED mit Schrumpfschlauch eingetütet werden. Der wurde allerdings nicht geschrumpft, sondern nur lose aufgeschoben. Er passt sich damit leichter der Gehäusewölbung an und schließt Streulicht besser ab. Natürlich kann man auch die Glühlampen überstrumpfen, wenn es im Führerstand finster bleiben soll. Der Fahrtrichtungsanzeiger leuchtet in der vorliegenden Version noch fröhlich mit – ohne  eigenes Leuchtmittel. Dieses wird bei abgedunkeltem Führerstand erforderlich. Man könnte die originalen Rechteck-LED in entgegengesetzter Richtung wieder in die Platine einlöten, wenn man gelbes Licht mag.  Es gibt viele längliche Glühlampen, die hier dienen können. Sie brauchen ein wärmefestes Gehäuse, weil der Fahrtrichtungsanzeiger sicher schmort, wenn er mechanischen Kontakt zur Glühlampe hätte.

Noch ein Trick: Wenn die Hauptscheinwerfer schön wirken sollen, dreht man die Lampen so hin, dass der Leuchtfaden senkrecht steht. Es fällt erst unangenehm auf, wenn sie schief stehen.

Die Wirkung der roten LED ist mithilfe der Digitalkamera etwas schwerer einzufangen. Natürlich leuchten sie kräftig rot. Wie man auf dieser Aufnahme erkennt, stimmt noch etwas nicht mit der Abschattung. Es leuchtet rot in den Führerstand hinein. Die gelöteten LED sind nicht perfekt wartungsfreundlich, weil ihre starre Position sich auf die Lage der Glühlampen auswirkt. Um das zu vermeiden, kann eine Löthilfe gebaut werden, die die LED zum Löten in der genauen Position des Lampenabstandes im S-Bahn-Gehäuse hält. Für einen Prototyp ist das Ergebnis aber zufriedenstellend.

Nun ist das Problem des fahrtrichtungsabhängigen Beleuchtungswechsels am anderen Zugende noch nicht gelöst. Hierfür wird eine zweipolige Steckverbindung von Wagen zu Wagen vorgesehen, die eine Erweiterung des Zuges zulässt. Im Fahrzeugboden ist praktischer Weise eine geeignete Öffnung schon vorhanden.

Der Stecker ist aus zwei Gliedern einer einreihigen Steckleiste mit gewinkelten Stiften entstanden. Schrumpfschlauch über den Löstellen jedes Stiftes und einmal un beide gemeinsam sorgen für ein griffiges Steckergehäuse. Der nächste Wagen erhält eine entsprechende Steckdose ebenfalls von einer einreihigen Buchsenleiste abgesägt.

Auf der Innenseite findet die Buchsenleiste mit Sekundenkleber an einem Stift halt, der zur Fixierung der Kabelenden am Chassis angeformt ist. Er ist auf dem Bild rechts von der Buchsenleiste gerade so erkennbar (senkrecht). Die Lötstellen werden auch hier mit Schrumpfschlauch gesichert, weil Kontakt zum Blechgehäuse einen Kurzschluss und eine Beschädigung des Relais verursachen würde.

Als lästig beim Einsatz mehrteiliger Garnituren erweist sich die Art der Kupplungen – insbesondere dann, wenn der Zug mangels geeignetem Koffer nicht in voller Länge zum Einsatzort transportiert werden kann. Hier ist weitere Kreativität gefragt.

Ihre ausgedehnte Jungfernfahrt hatte diese S-Bahn auf einem Treffen der TRIX-Freunde im Berliner Technikmuseum im März 2010 auf dem auch der Märklin-Insider-Stammtisch MIST1 vertreten war.

Über den Autor

Anselm Geske zeigt in der Rubrik "Bastelei" Ideen, Kuriositäten und Verbesserungen, die sich aus bzw. an Märklin-Artikeln unterschiedlicher Epochen realisieren lassen.