
Wie steuert man mit dem Commodore Amiga eine klassische Märklin-Digitalanlage?
Eine Zeitreise in die frühen Jahre der digitalen Modellbahn – mit 6020, 6050, alten Lokdecodern und einem Computer, der selbst schon längst ein Sammlerstück ist.
Zwei Klassiker treffen sich
Es gibt Kombinationen, die heute ungewöhnlich erscheinen – und gerade deshalb ihren besonderen Reiz haben.
Im Jahr 1985 stellte Märklin das Digital-System vor. Das erste Amiga-Modell – später Amiga 1000 genannt – wurde am 23. Juli 1985 in New York im Rahmen einer großen Show vorgestellt. Bei dieser Veranstaltung färbte der Pop-Art-Künstler Andy Warhol ein kurz zuvor am Amiga erstelltes Abbild der Sängerin der Band Blondie, Deborah Harry, neu ein, während die Zuschauer live dabei waren.
Der eine war Anfang der 1990er-Jahre ein beliebter Heimcomputer, der andere eine damals hochmoderne Modellbahnsteuerung. Heute sind beide längst begehrte Sammlerstücke. Was passiert, wenn man diese beiden Klassiker miteinander verbindet?
Dann kann der Amiga wieder das tun, was Computer schon immer besonders gut konnten: Abläufe steuern, Informationen darstellen und dem Benutzer eine ganze Welt auf dem Bildschirm zur Verfügung stellen.
Was aber tut man, wenn es dafür keine passende Software gibt?
Wir schreiben ein eigenes GFA-BASIC-Programm!
Es bildet die klassische Märklin-Bedienwelt mit 6021 (Control Unit), 6040 (Keyboard) und 6043 (Memory) auf dem Bildschirm nach und macht aus dem Amiga eine Art digitales Stellwerk für die historische Märklin-Digitalanlage.
Das Memory wird dabei nicht als eigenes Gerät dargestellt – doch dazu später mehr.

Aber wenn der Amiga das alles nachbildet … was brauchen wir dann überhaupt noch an Hardware?
Nun, einen Amiga mit Netzteil und Monitor, eine Maus, ein serielles Kabel, einen Märklin-Trafo, ein Interface und eine Zentraleinheit. Den Rest machen wir in Software!
GFA-BASIC ist ein erweiterter BASIC-Dialekt für den Amiga und bietet viele nützliche Funktionen, die bei der Entwicklung einer solchen Anwendung sehr hilfreich sind. Ebenfalls sehr hilfreich war der H0-Digital-Monitor, den ich bereits in einem vorhergehenden Beitrag beschrieben habe.
Die Idee, eine solche Software zu entwickeln, gab es schon längere Zeit. Der eigentliche Auslöser war jedoch der Fund eines Märklin „DMS 80“ sowie einer Control Unit 6020 im transparenten Gehäuse.
Diese Geräte mussten doch einfach einmal getestet werden!



Der Amiga als Fahrdienstleiter
Der Commodore Amiga war für viele seiner Besitzer zunächst vor allem ein Spielecomputer. Doch hinter der bunten Grafik und dem charakteristischen Sound steckte ein erstaunlich leistungsfähiger Rechner. Programme für Textverarbeitung, Grafik, Musik, Datenbanken und technische Anwendungen gehörten ebenso zum Amiga-Alltag.
Besonders interessant ist heute der Amiga 600. Der kleine Rechner kam 1992 auf den Markt und ist durch seine kompakte Bauform ein typischer Vertreter der letzten klassischen Amiga-Generation. Bei seinem Erscheinen wurde er allerdings häufig verschmäht, da seine Technik mit CPU und Speicherausstattung nicht mehr ganz zeitgemäß war. Heute zeigt sich, dass gerade seine Ausstattung für Retro-Projekte einige Vorteile bietet: Eine IDE-Schnittstelle ermöglicht den Anschluss einer Festplatte, und mit einem Adapter lassen sich heutzutage auch CF-Karten als Speichermedium verwenden. Der PCMCIA-Port erlaubt zudem den einfachen Austausch von Daten mit der Außenwelt.
Für dieses Retro-Modellbahnprojekt ist der Amiga 600 geradezu ideal. Allerdings sollte man ihm für dieses Programm mindestens ein zusätzliches Megabyte ChipMem spendieren.
Für heutige Modellbahner ist eine digitale Steuerung selbstverständlich. Ab 1985 war sie dagegen eine kleine Revolution. Bei einer klassischen analogen Modellbahn wird die Geschwindigkeit einer Lokomotive über die Gleisspannung verändert. Wer mehrere Züge unabhängig voneinander fahren lassen wollte, musste entsprechend getrennte Stromkreise vorsehen. Märklin Digital veränderte dieses Prinzip.
Die Gleise konnten mit „Digitalstrom“ versorgt werden, während gleichzeitig Steuerinformationen übertragen wurden. Jede Lokomotive erhielt eine Adresse und reagierte nur auf Befehle, die für sie bestimmt waren. Damit konnten mehrere Lokomotiven auf demselben Gleis unabhängig voneinander gesteuert werden. Für den Modellbahner der 1980er-Jahre war das ein enormer Fortschritt.
80 Adressen – Ende.
Die frühen Märklin-Digitaldecoder waren im Vergleich zu heutigen Decodern ausgesprochen übersichtlich. Bei den klassischen Decodern mit achtpoligem Codierschalter wurde die Adresse direkt am Decoder eingestellt. Ganze 80 Lokadressen standen zur Verfügung. Dass die frühen Decoder die letzte Fahrtrichtung „vergessen“ haben, erhöhte dabei eher noch den Spielspaß.
Auf den Schirm: 6021
Der zentrale Bestandteil des Programms sind die zwei virtuellen 6021-Fahrgeräte. Damit können zwei Lokomotiven unabhängig voneinander bedient werden. Adresse, Geschwindigkeit, Richtung und Funktionen werden jeweils für das entsprechende Fahrgerät verwaltet. Wer eine 6021 kennt, muss sich kaum umgewöhnen.
Lokadresse eingeben? Fahrstufe wählen? Richtung bestimmen? Licht einschalten? Losfahren.
Alle Bedienelemente befinden sich an den bekannten Plätzen. Lediglich die Anzeige oben wurde etwas erweitert. Dort werden nun neben der Adresse auch die Fahrstufe und die Fahrtrichtung angezeigt.
Der grüne Buchstabe „K“ eines 6021 zeigt den Status „aktiv“ an. Dieses Gerät kann dann mit der Tastatur gesteuert werden. Die Umschaltung erfolgt durch Drücken der TAB- oder der „K“-Taste.
Der Buchstabe „J“ zeigt an, dass dieses 6021 mit dem Joystick gesteuert werden kann. Die Taste „J“ schaltet zwischen den beiden 6021 um. Ebenso schaltet ein Druck auf den Feuer-Knopf des Joysticks zwischen den beiden Fahrgeräten um.

F-Tasten und Keyboard
Mit der F10-Taste der Tastatur lässt sich die Beleuchtung schalten. F1 bis F4 stehen ebenfalls zur Verfügung und können über die entsprechenden Funktionstasten bedient werden. Was diese Funktionen tatsächlich auslösen, hängt natürlich von der jeweiligen Lok beziehungsweise ihrem Decoder ab.
Auch das Märklin 6040 Keyboard bekommt seinen virtuellen Auftritt. Zwei Keyboards stehen zur Verfügung. Damit können insgesamt 32 Magnetartikel-Adressen direkt geschaltet werden. Die Adressen der beiden Keyboards sind derzeit im Quellcode hinterlegt. Sie bei Bedarf stattdessen in einer Konfigurationsdatei zu hinterlegen, wäre allerdings problemlos möglich.
Das Memory – unser Fahrplan
Jetzt kommt der Punkt, an dem der Computer seine eigentliche Stärke ausspielen kann. Eine 6021 kann einen Zug fahren. Ein Computer kann sich dagegen einen Ablauf merken.
Das Programm besitzt deshalb eine Fahrplan- beziehungsweise Memory-Funktion. Damit lassen sich komplette Abläufe hinterlegen.
Zum Beispiel:
Lok fährt los ? wartet ? wird schneller ? wartet auf eine Rückmeldung ? fährt weiter ? wechselt die Richtung ? hält an.
Der Amiga übernimmt dabei die Rolle eines kleinen Fahrdienstleiters. Ein Ablauf kann einmal erstellt und anschließend beliebig oft wieder ausgeführt werden.
Die Fahrplan-Datei ist dabei eine einfache ASCII-Datei und kann mit einem beliebigen Texteditor erstellt werden. Ich habe ein solches Verfahren bereits vor einigen Jahren einmal gezeigt: Das Märklin Train-Ing Set enthält die Software „MAKRO“ für MS-DOS und verwendet genau diese Art von Fahrplan.
Mehr Informationen dazu gibt es hier: Historisches Digital-Set 6232 Train-Ing .
Das Format ist recht einfach.
| * Init Start
W 1 R W 2 G L 10 S 0 F 0 L 20 S 0 F 0 Z 10 * Init Ende L 10 S 2 Z 30 L 10 S 3 K 2 L 10 S 2 |
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Weiche 1 Rund Weiche 2 Gerade Lok Adresse 10 Stufe 0 Funktion Aus Lok Adresse 20 Stufe 0 Funktion Aus Zeit (Pause) 10 Sekunden
Lok Adresse 10 Fahrstufe 2 Zeit 30 Lok Adresse 10 Fahrstufe 3 Kontakt 2 (warten bis dieser aktiviert wird) Lok Adresse 10 Fahrstufe 2 usw… |
Natürlich können auch Rückmeldekontakte (K) auf diesem Weg ausgewertet werden. Über den Menüpunkt „Fahrplan bearbeiten” kann direkt eine Fahrplan Datei bearbeitet oder auch neu erstellt werden. Ein laufender Fahrplan wird unterhalb der beiden 6021 im Klartext angezeigt.
Die Fahrpläne können über den Menüeintrag „Fahrplan bearbeiten” in einem Editor (TextEdit ist beim Amiga OS bereits dabei) aufgerufen und angepasst werden.

Was soll man sagen, wenn man sprachlos ist. Ich bin einfach begeistert.
Altes gewinnbringend und nützlich verknüpft.
Großen Respekt.
Viele Grüße
Siegfried